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Wir werden einander verzeihen müssen.

Es ist der Tag vor dem Leverkusen-Spiel und ich habe pandemisch schlechte Laune. Wer auf Trinkspiele steht, kann sich jetzt Mampe hinstellen und jedes Mal einen heben, wenn das Wort mit P fällt. Mein Text wird dadurch auch noch ausdrucksstärker. 

Wir haben ein Jahr Fußball mit Pandemie. Oder ist es Pandemie mit Fußball? In der privilegierten Position des Fußballfans zu sein und sich zumindest so noch an Wochentagen orientieren zu können, hilft mir, meinen ereignislaschen Alltag zu strukturieren und zu ertragen. Noch 3 Tage bis zu Herthas nächster Zauberfußball-Show… Ach, wer hätte es sich nicht gewünscht? Stattdessen kaue ich auf meinen Nägeln und schaue mir zur Beruhigung den Espressotassen-Content unseres Sportdirektors an (einer meiner nächsten Beiträge hier wird ein Kaffeetassen-Haiku für Arne Friedrich). Was, wenn sie morgen wieder verlieren? Wann schießen sie endlich ein Tor? Wer zur Hölle soll da jetzt überhaupt treffen? Was, wenn wir wirklich absteigen? Mit Gammelfleischpandemietreiber Schalke, die ich hier todesmutig so nenne, wie sie genannt werden wollen (kleiner Pro-Tipp: Menschen so nennen, wie sie es sich wünschen, macht das Leben aller Menschen lebenswerter). Wurden die Mitarbeiter*innen der Tönnieschen Kältekammern eigentlich schon geimpft, damit sie die deutschen Kühe weiter zerlegen können oder bringen sie jetzt ALLE nach Ostern das Virus wieder aus dem Ausland mit1? Nicht dass die Europameisterschaft dann doch ganz ohne Fans in 250 pandemischen Enklaven stattfinden muss, das wäre doch soooo schade. Ach, Niklas, du bist frei. Spiel für den scheidenden Jogi like you never did before. Ich schweife ab.

Schade. Schrecklich. Schaurig. Schal. Schlimm. Schmerzhaft….schhhhhh. Mein letztes Jahr mit der Mannschaft war kein gutes, ich habe noch Hoffnung, aber die Rückschläge gegen Bielefeld oder Stuttgart, sie nerven immer noch. Ich habe gegen Werder wegen des schlampig geschlossenen Elfmeters von Cunha vor Zorn eine Fensterscheibe in unserer Wohnzimmertür mit meinem Hausschuh zerschlagen, weil ich ihn einfach schmeißen musste. Ja, ein klitzekleiner Hooligan schlummert in meiner pazifistischen Seele. Und sie fehlt mir sehr, diese Entladung im Stadion, die gemeinsame Freude oder die uferlose Enttäuschung oder Fassungslosigkeit. Wir gegen den Abstieg. Lupfer oder Lewandowski-like abstoppen, peinlicher wird es auch 2021 in der Bundesliga nicht mehr. Ich war so stolz auf Dodi, dass er ihn einfach reingeballert hat.

Das Jahr mit meinem Verein war deutlich besser. Ich finde, Hertha BSC hat im letzten Jahr viel richtig gemacht. Sie haben sich engagiert, haben klare Worte zu gesellschaftlich relevanten Themen gefunden (z.B. Antisemitismus, Homophobie) und die Abwesenheit eines Sponsors auch dazu genutzt, auf die Schicksale von Menschen hinzuweisen, die in der Pandemie keine Stimme haben: Kranke und Kneipenwirt*innen. Diese Personenkreise in einem Atemzug zu nennen, hat einen komischen Beigeschmack, aber so war es halt. Ich hätte mir ein Trikot zu BlackLivesMatter gewünscht. Hertha verteilte Essen am Alex und brachte Lebensmittel in Krankenhäuser. Solidaritätsbekundung mit chronisch unterbezahltem Pflegepersonal wünsche ich mir aber nicht nur von Hertha, sondern auch vom DFB, aber deren Funktionäre hatten wahrscheinlich schon um 21:00 Uhr auf ihren Terrassen geklatscht. 

Solidarität, das höchste Gut der Pandemie, ist auf vielen Ebenen innerhalb des Vereins und unseres Fanclubs erlebbar und ich bin froh, dass Faninitiativen wie 1892 Hilft!, Aktion Herthakneipe oder Spendet Becher – Rettet Leben auch von Hertha selbst unterstützt wurden. Und dass wir uns individuell unterstützen, uns zuhören und uns auf Abstand treffen, damit unsere Verzweiflung von den Optimist*innen aufgefangen werden kann und unsere Wut von den Gelassenen. Die Leidensgemeinschaft, die wir schon seit Monaten (oder seit immer) bilden, der Galgenhumor und die Leidenschaft für ein Thema, die Aufmunterungsversuche oder einfach auch mal eine feine Pöbelei definiert unser blauweißbuntes Wir – sowohl die AKJ als auch (die*) Hertha, *um hier mal einen diskursiven Evergreen öffentlich zu machen.

Ein 3:0 später fällt die Last von den Schultern, vorerst. Im Fanclub-Chat haben all unsere Aberglauben dazu beigetragen, dass dieses Ergebnis möglich ist. Stop. Collaborate and listen. 

CUT

Wir haben Derby gespielt, Tanja (natürlich getestet) hat dabei meine Wohnung heil gelassen und wir sind Stadtmeisterin geworden. Hertha hat Zsolt Petry freigestellt, Bobic verpflichtet und steht aktuell auf Platz 17. Heute ist der erste Trainingstag für Hertha nach der Quarantäne. Herthaner*innen leben ab heute im Spannungsfeld Hysterie/Euphorie, Montag dann Mainz, die Emotionen knapp vor Champions-League-Finale, was wir wahrscheinlich nie erreichen werden, daher suchen wir uns andere Herausforderungen.

Der Abstieg hängt über unseren Köpfen und was wäre das für eine Geschichte? Windhorst investiert Hertha in die 2. Liga. Immerhin gelingt Axel Kruse der Hertha-Blockbuster schlechthin, man muss an allem das Positive sehen, das macht uns unser Sportdirektor jeden Tag in seinem Wohnzimmer vor. Die Holzscheite im Bücherregal hat er übrigens selbst geschlagen, deshalb liegen die da2. Shout out an alle, den Weichzeichner-Filter anzuschalten, sonst geht die Diskussion gleich in eine ganz andere Richtung.

Ich habe meinen Text ursprünglich angefangen, weil ich meine Gedanken zum Thema Pandemie-Fußball sortieren wollte. Da wusste ich noch nicht, dass dieses Thema auf mehreren Ebenen für Hertha  (wie schon länger gesamtgesellschaftlich) eine ganz andere Dynamik bekommen würde. Ay, there´s the rub: wenn die Ausübung des Berufs das Leben gefährdet, in welcher Verwertungslogik leben wir dann und warum brennt nicht alles? Rune Jarstein hat sich mit Corona infiziert – auf einer Reise mit der norwegischen Nationalmannschaft zur Qualifikation für eine Weltmeisterschaft, die in einem Land ausgetragen wird, in dem das Leben von einigen Menschen nichts zählt. 

Und diskutiert wird über Herthas Spielansetzungen, die natürlich wettbewerbsverzerrend sind, auch wenn das keine offizielle Seite so sagen würde, aber das ist halt so, on and on and on and on, my heart keeps moving like a rolling stone… die Herausforderung muss angenommen werden, der Heldenepos weiter gestrickt und Rendite angehäuft werden. Wir sind Kämpfer, wir sind Männer, blabla, ein Volk hält zusammen, das Fußball-Volk, aber nur das straighte, die andern…jaha, das wird man ja wohl noch sagen dürfen, sonst leben wir in einer Meinungsdiktatur, in der Ulf nicht mehr Porsche fahren darf und Karlheinz den Nasenpimmel nicht regelmäßig lüften. Nicht antreten wären drei Minuspunkte und die angehäufte Abwesenheit der Beweis des Versagens, so kommt man nie in die Super League. Vielleicht kann Jan Josef Liefers dazu ja auch mal was sagen.

Der eigentliche Skandal, die Gefährdung des Lebens der Spieler, ihrer Familien und den diversen Angestellten, die ist nicht mehr als eine Randnotiz. Die Corona-Traumata, die Narbenwulst der Normalo-Seele, das steht einfach gar nicht zur Debatte. Da schließt sich der Kreis zu uns Fußball-Konsumierenden, denn wir müssen auch weiter ins Büro, gleichzeitig auf unsere Kinder aufpassen oder Überstunden schieben, weil die Hälfte der Belegschaft in Quarantäne, im Burnout oder im Krankenstand ist. Natürlich ist es ein Unterschied, ob Pflegende und Erziehende ihre Arbeit ausüben oder Profi-Fußballer, aber (auch wenn diese Phrasen ermüdend sind), alle haben nur das eine Leben zu leben, eine Wiederholung gibt es nicht. Rune hat sich vermutlich in Ausübung seines Berufes mit einer lebensverändernden Krankheit angesteckt und keiner weiß, was das für ihn bedeutet. Da ist es mir persönlich ziemlich egal, was das für die sportliche Situation des Vereins bedeutet. Ich wünsche ihm einfach, dass er wieder gesund wird und weise auf eine Dokumentation der ARD hin, die den Alltag auf einer Covid-Station dokumentiert und was das mit den Menschen macht, die da arbeiten3.

Und kommt mir jetzt nicht mit Resilienz. Ich gucke sogar Sportstudio, gucke Englische Wochen und Pokal. Diese Doppelmoral ist schlecht fürs Gemüt, daher verdränge ich gekonnt. Denn wenn ich mir die Rahmenbedingungen angucke, weiß ich ja eigentlich, dass ich einer korrumpierbaren Gelddruckmaschine beim Arbeiten zugucke. Das ist in etwa so, als würde eine Regierungspartei sich daran bereichern, die Bevölkerung pandemiesicherer zu machen. Raumdeckung light.

Gerade habe ich die Bilder vom Training gesehen4 und trotz all meinem Geschimpfe überkommt mich das Kribbeln. Ich glaube, dass Hertha ein richtig geiles Turnier spielen wird.  Die Pandemie ist nicht vorbei und Hertha als Verein würde es wahnsinnig gut tun, sich nach der Saison öffentlich mit den eigenen Privilegien auseinanderzusetzen und der Gesellschaft, die den Spielbetrieb (er)trägt, etwas zurückzuzahlen. Das fängt bei den eigenen Mitarbeiter*innen an und hört bei denen auf, die seit langer Zeit auf so vieles verzichten: Kinder, Eltern, Singles, Amateur*Sportvereine, Poet*innen und Flaschensammler*innen, halt einfach fast alle außer denen, bei denen sowieso nüscht mehr ankommt. 

Klar, Hertha hat noch Luft nach oben, sowohl tabellarisch als auch in der Positionierung zu gesellschaftlich relevanten Themen oder der Themengestaltung bei Hertha-TV (ja, Ein Tach mit5 ist ganz nice und Lena ist toll).

Aber ich war und bin immer froh, Herthanerin zu sein und mich nicht mit anbiedernden Hygienekonzepten trotz highpeak Infektionsgeschehen und hymnischer antikapitalistischer Kult-Saga auseinandersetzen zu müssen. Was für ein Satz. Long Story short: Unions Umgang mit der Pandemie (das sind bis hier 9 Mampe) nervt. Aber sie schießen Tore gegen Bremen und zeigen, naaa, ihr wisst schon…Solidarität. Wir machen das, was wir am besten können, wir machen es spannend, wir machen Haare grau und erweitern das Schimpfwortrepertoire der Liga. Aber wir machen es zusammen Und das ist, was zählt. #gemeinsamHertha. HAHOHE.

 Fußnoten

1 https://www.deutschlandfunk.de/covid-19-was-aus-den-infizierten-bei-toennies-wurde.676.de.html?dram:article_id=483414

2 https://twitter.com/arnefriedrich/status/1383471220281073677?s=20

3 https://www.rbb-online.de/doku/c-d/charite-intensiv-station-43/charite-intensiv-station-43.html

4 https://www.instagram.com/p/COSVSWxMqWC/?utm_source=ig_web_copy_link

5 https://www.youtube.com/watch?v=BmekKXoAzU4

PLAYLIST:

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