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Bleeding Hertha (Singstimme)

Breaking News: Hertha steht auf dem Relegationsplatz. Ich war mir jetzt  nicht ganz sicher, ob ihr alle die Tabelle so auswerten könnt, dass ihr das selber merkt, deswegen droppe ich den Shit (like it’s hot) und gebe euch so erstmal die richtigen Vibes für die nächsten Zeilen…aber, cool down, es sind ja noch einige Spieltage und daher noch Punkte zu holen. Fredi hat in der Elefantenrunde auf Sport1 auch nicht Neururer verpflichtet. Wahrscheinlich lassen wir den Rehhagel-Moment diesmal einfach weg, aber zu früh freuen würde ich mich auch nicht, vielleicht findet der Otto auch noch ein altes Tagebuch und vergisst das dann ganz zufällig im nächsten Doppelpass neben Alfred Draxler.

Hach, wenn ein Text so anfängt, worauf will der dann hinaus? Um das herauszufinden, muss man ihn bis zum Schluss lesen. Das ist so wie bei Hertha, man muss das Spiel bis zum Ende anschauen und kann danach im besten Fall was Fundiertes drüber sagen und sich entscheiden, wie man Leistung, Stimmung, Wetter und den Kohlensäuregehalt seines*ihres Kindls fand. Was für Pros: vielleicht schon mal Leona Lewis hören. Noch eine Warnung, der Text wird auf jeden Fall anekdotisch. Und positiv, die Lowlights könnt ihr weiterhin bei Twitter nachlesen, Hashtag hahohe.

Ich fange mit einem Fangirl-Moment an: ich habe Vladimir Darida auf einem Spielplatz getroffen. Es war Sonntag, Hertha hatte also schon 0:3 in Freiburg verloren und ich war mit meinem Sohn Fußball spielen gewesen, wobei die Beschreibung sportlicher klingt, als ich bin. Wir haben seinen Fußball liegen lassen und es kurz vor der Haustür gemerkt, also sind wir zurück, um den Ball zu holen. Auf einmal kam Darida mit seiner Familie angelaufen und hat seinen Kindern auf dem Klettergerüst zugeguckt. Es war ein richtiger Glücksmoment für mich, denn ich liebe Darida seit er bei Hertha ist – und er ist mittlerweile einer der Dienstältesten und in meinen Augen ein sehr verdienter Spieler. Dass das nicht alle so sehen, kann man auf Social Media nachlesen. 

Man kann es aber auch bleiben lassen, denn vieles davon ist unterirdisch, verletzend und respektlos. Ich werde es nie verstehen, wie man einem Menschen so viel Verachtung hinrotzen kann(1). Im Fall von (nicht nur) Darida ärgert mich besonders, dass diese Kommentare von der eigenen Anhängerschaft kommen, also von Leuten, die sich als Hertha-Fans beschreiben und dann nichts besseres zu tun haben als ihren Frust nach einer Niederlage als persönliche Abrechnung ins Internet zu furzen. Junge, renn du doch erst mal 10 km und dann überleg noch mal, was du deiner Mutter ins Poesiealbum schreiben willst. Haha, deine Mudda. Und ohne, dass ich mich jetzt zu weit aus dem Fenster lehne, viele dieser Leute haben das Geschäftsmodell der Vereine in der Bundesliga nicht verstanden (Kritik daran finde ich übrigens durchaus angebracht, aber dann eben an der Struktur) und verunglimpfen im nächsten Post die “Söldner”, die nur auf ihren Kontostand gucken und keine Vereinstreue leben. Nun ja. Wie war das mit dem Glashaus, war das ne Band, ne?(2)

Zurück zum Spielplatz. Ich habe was gemacht, was ich noch nie gemacht habe: Ich bin zu Darida gegangen und habe ihn angesprochen, aus dem tiefen Bedürfnis heraus, ihm etwas Nettes und Aufmunterndes zu sagen. 30 Seconds To Mars. Habe vor mich hin gestammelt, dass er einer meiner Lieblingsspieler ist und dass ich an die Mannschaft glaube und ihnen für die letzten Spiele viel Erfolg und alles Gute wünsche. Er hat sich bedankt, ich bin rot geworden, hab mich umgedreht und bin schnell weggelaufen. Süß, ne? I’ve got another confession to make, I’m your fool. Everyone’s got their chains to break, holdin‘ you. Jetzt traue ich mich auch ins Borchert.

Letzte Woche war ich auf einer Veranstaltung, bei der Männer sich die Frage stellten, ob der Fußball jetzt doof geworden sei, z.B. durch die Pandemie oder die Investoren. Noch eindeutiger liegt diese Fragestellung vermutlich an der Idee der Fifa, die Männer-WM im Winter in einem Land stattfinden zu lassen, das bisher mit wenig Begeisterung für Fußball und universelle Menschenrechte(3), aber mit viel Begeisterung für die oberen Zehntausend aufgefallen ist. Spoiler: Die Frage wurde nicht beantwortet(4).

Wie auch, den Fußball, und das schreibe ich nicht zum ersten Mal, gibt es doch gar nicht. Es gibt so viele unterschiedliche Bereiche, die sich unter dem Begriff subsumieren lassen, aber am Ende spricht doch jede*r über was anderes. Die Regeln sind eigentlich überall die gleichen, außer beim VAR und bei der Bezahlung, aber was Menschen unter Fußball verstehen und was sie damit verbinden, divergiert. Bestes Beispiel Hertha. Kein*e Herthaner*in würde die Alte Dame als “Big City Club” bezeichnen. Dieser Begriff wurde von Außen über Hertha gestülpt und verursacht seitdem Brechreiz und Kopfschütteln, wird aber von jedem kecken Kommentator pausenfüllend eingesetzt. Ein Garant auf jeder Bullshit-Bingo Liste, fast so sicher wie das Berlin hintendran…go for it, Loddar.

Hertha wurde dann auch kurz beim Fußball Salon hot topic, vor allem, weil meine Begleitung aus durchaus nachvollziehbaren Gründen beim Thema Stadion eine kurze Lunte hat. Immerhin beschäftigt er sich seit Jahren mit vielen anderen tollen Leuten ehrenamtlich damit, eine machbare Lösung zu finden(5), die die Politik, die Anwohner*innen und die Fans vertreten können und ist damit erfolgreicher als der Verein selbst. Einer der Diskutanten vertrat die Meinung, dass Hertha, bevor sie weiter ihre Bemühungen big zu werden intensivieren, erstmal ein gescheites Stadion bauen sollte. Und so ist es wahrscheinlich beim Fußball wie überall anders auch, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer (außer bei Sallai) und ein Experte in Aufsichtsratsvorsitzender-Absetzung beim Schweinepriester in Gelsenkirchen ist keiner für die Wirrungen der Berliner Bauverordnungsanstalten. Ich komme mir ja ein bisschen vor wie in der Grundschule, aber einander zuhören, das ist der wirklich geile Scheiß und wenn man dann nicht Laschet vor sich sitzen hat(6), kann das Konzept “Gespräch” auch richtig gut werden. War übrigens in der Pause auf der DT-Terrasse auch so.

Wenn wir das im Hinterkopf behalten und uns dann überlegen, dass der Investor, der von Hertha ja angeblich sooo schlecht behandelt wird(7), im Abstiegskampf ein rufschädigendes Interview gibt, um allen, die es hören wollen, zu versichern, dass er das Investment zum Erfolg führen wird.Hertha goes BSR, oder wat? Fly on the wings of love (das ist der Reminder für die ESC-Party) Wenn Windhorst behauptet, dass Hertha seine 375 Millionen Euro turbokapitalistisch verbrannt hat, dann frage ich mich woher die Annahme kommt, dass unser Verein nett sein müsste zu Herrn Windhorst. Er ist ja auch nicht sonderlich nett zu uns, oder habt ihr Jürgen und Jens vergessen? Späßchen. Er hat nicht aus karitativen Zwecken sein Geld in Hertha investiert, sondern weil er aus unverschämt viel Geld noch mehr machen wollte und will. That’s the Tweet. Es bleiben neben der Frage nach dem Ursprung seines Vermögens bei mir mindestens drei, nein vier Fragen offen: Wie gut kann Lars Windhorst wirklich Risk-Management (und in dem Fall 50+1), mit wem hat er Hertha BSC verwechselt, als er den Deal abgeschlossen hat, warum zur Hölle Michael Douglas (hat er mal seine Zielgruppe sondiert?) but most important: warum glauben so viel mehr Männer als Frauen, dass sie in allem, aber besonders im Fußball, dreimal den Kicker lesen müssen, um anschließend Jogi Löw zu ersetzen oder Fredi Bobics Job zu machen? Dieses Selbstbewusstsein, das sich auch immer wieder in den herabwürdigenden Kommentaren im Stadion wiederfindet, kenne ich aus keinem anderen Bereich. Ich stelle mir gerade vor, wie im Theater regelmäßig Zuschauer*innen reinrufen würden, dass sie den Hamlet ganz anders akzentuieren würden oder per Lauti in der Wuhlheide durchsagen lassen, dass der Schlagzeuger der Beatsteaks mal lieber ¾ Takt spielen soll. Ich stelle mir auch vor, wie alle, die es immer besser wissen, sich verhalten würden, wenn ihr*e Vorgesetzten oder noch eher irgendwelche random dudes, ihre Arbeit so über den Tag bewerten würden. Ich lasse das Argument nicht gelten, dass das was anderes ist, ist es nicht. We try, we fail, wir halten einfach mal die Klappe.

Und dass es ganz groß geht, hat zum Beispiel die Aktion Hertha-Kneipe gezeigt, die Solidarität gelebt hat und als Fan-Aktion des Jahres von der 11Freunde ausgezeichnet wurde(8). Auch das ist Fußball, Nächstenliebe hat ebenso Platz wie Rivalität oder Anteilnahme. Dieser Tage gab Christian Eriksen sein Comeback auf dem Platz und ich würde behaupten, dass diese Geschichte jeden Fußball-Fan berührt hat, auch die, die sich nicht für Nationalmannschaften interessieren. Ich weiß noch, dass ich am Tag des Herzstillstandes auf den Weg in den Wedding war, um im Boateng-Käfig eine Grußbotschaft der Hertha-Junxx für die SportPride zu drehen. Ein paar Tage später stand der Prinz himself ebendort und verkündete seine Rückkehr zu Hertha. Oscarverdächtige Geschichte, auch wenn er nicht viel spielt (Mimik reicht den ganz Großen) war es ein schöner Moment für viele Fußballromantiker*innen und weniger schön für die leistungsorientierten Effizienzer. Ja, der sitzt viel auf der Bank, aber immerhin steht er mehr als Khedira an der Linie und macht fast so schönen Content wie Mutti Selke. Wait, da hab ich auch noch einen Rabatt-Code für euch.

Zum Fußball gehört ein Sieg, zumindest für Bayern-Fans oder die Nationalmannschaft unter Trainer Franz Beckenbauer oder auch für Tarzan aus dem Internet. Für meinen Sohn leider auch, aber der kommt jetzt mit ins Stadion gegen Frankfurt, Hertha kann also nur gewinnen.

Für Hertha-Fans gehört ein Sieg zumindest in der aktuellen Situation eher nicht dazu, wohl aber die Erwartungshaltung, anders kann ich mir die Pfiffe gegen die Mannschaft nicht erklären. Hertha hat nicht umsonst #gemeinsamHertha zum Claim gemacht, ein recht offensichtlicher Wink mit dem Zaunpfahl für alle im resistance game. Als wir vor Weihnachten gegen Dortmund gewonnen haben, haben einige Leute neben mir in der Kurve auch noch Gründe gefunden, sich über die Mannschaft zu beschweren. Ich möchte keinen kritikfreien Raum schaffen und auch kein Lala-Land, in dem man immer alles schön finden muss, aber nach den letzten 2 ½ Jahren war dieser unerwartete Sieg einfach absolut überragend und feierwürdig, da ist es mir egal, wie er zustande kommt. Wir gingen beschwingt von einem Konsumfest ins andere und haben beim Verlassen des Olympiastadions doch noch ne blau-weiße Christbaumkujel mitjenommen, wa. Die Hoffnung stirbt zuletzt und John McClane findet och immer ne Lösung, ohne hier die Trainerdiskussion nochmal aufmachen zu wollen.

Ich glaube tatsächlich immer an einen Hertha-Sieg, das gehört für mich zum Fußball dazu. Die Hoffnung, dass wir uns in die Arme der Nachbar*innen schmeißen können, Biere umfallen, und wir die Torhymne hören. Wir brüllen den Namen des Torschützen, kriegen rote Wangen und hoffen, dass es reicht. Diese Euphoriewolke, das vom Alltag losgelöste Sein, die 90minütige Utopie, eingefasst von diversen Ritualen, das ist mein Fußballerlebnis und dessen Ausübung mein absolutes fantastisches Privileg. Ja, ich wiederhole mich. Rewind Selecta. Ich ärgere mich auch über Fehl- oder Querpässe, die im eigenen 16er gespielt werden, schreie mal rum, wenn was nicht funktioniert, Belfodil seine Reklamierarme hebt, Schwolow abprallen lässt, Jovetic beleidigt rumsteht und Boyata vergisst, dass er der Abwehrchef ist. Ich klatsche aber auch, wenn was gut läuft und noch wichtiger, ich pfeife nie und bleibe immer bis zum Abpfiff. Ich liebe Hertha(9) und ich würde nie auf die Idee kommen, mich bei schlechter Leistung dauerhaft abzuwenden. Denn meine Liebe zu Hertha ist nicht selbstlos. Und da unterscheide ich mich dann doch von dem ein oder anderen Bauchtaschenträger, der noch bei Mutti wohnt. Der macht das nur für die Farben, ich mach es für mich. Mein Fantum schafft Abgrenzung und, viel wichtiger, Gemeinsamkeiten. Ich glaube nicht an schwarze Pädagogik und an dicke Eier, ich glaube an Empathie. Ich habe so viele herzensgute Menschen getroffen, die für ihre Werte einstehen, die sich Ziele setzen und die Gesellschaft verändern wollen, die ihre Stimmen nutzen und sich anstrengen. Das hat mich wirklich inspiriert (mehr als Alica Preetz(10) – und das haben noch nicht viele geschafft) und ich bin dadurch auch selbst mutiger geworden. Wieviel Halt gibt die Zugehörigkeit zu einem Verein und zu einem Fanclub und was hat das mit der Leistung der Mannschaft zu tun? Darauf gibt es so viele Antworten wie auf die Frage, warum es so wenig Redakteurinnen in Fanzines gibt (schöne Grüße). 

Neben einigen anderen Dingen (rot, weiß, rosé) haben mich auch meine Hertha-Menschen durch die Pandemie getragen. Und der Fußball, auch wenn ich manchmal nicht sicher war, ob Heiko oder Marco Richter auf dem Platz standen (das ist jetzt ein deeper RTL-Insiderwitz für alle um die 40). Das ritualisierte Fußballschauen gibt mir Halt und ist sicher nicht nur mein Zeitverstreich-System. Uhhh, here comes reality: Ich hatte Glück – Rondell-Glück –  und konnte mir mein Umfeld so basteln, dass es nie nur ums Ergebnis geht. Sondern um Zusammenhalt, Beistand, Zuneigung, Wohlwollen, Zuversicht, Zerstreuung und Veränderung. Das muss man wollen. Dazu braucht man Zeit und Frischluft. Und einen Verein wie Hertha, der Menschen zuhört, die ihn adressieren. Manchmal dauert das ein bisschen, aber es fühlt sich so viel besser an als das Sofa.

You cut me open.

Musik zum Träumen:

Fussnoten:
(1) Ich werde keine Verlinkungen zu Beispielen setzen, möchte aber darauf hinweisen, dass es viele Betroffene von Hassnachrichten gibt – nicht nur Fußballer*innen. Wir müssen solidarisch sein, only love, no hate.
(2) Vorschlag fürs Poesiealbum: Wenn das Liebe ist, warum bringt es mich um den Schlaf? Wenn das Liebe ist, warum raubt es mir meine Kraft? Wenn das Liebe ist, sag mir was es mit mir macht, wenn das Liebe ist, was ist dann Hass? Was ist dann Hass?
(3) https://www.amnesty.de/informieren/amnesty-journal/katar-wm-2022-menschenrechtsverletzungen
(4) Es gab eine sehr interessante Einordnung der Frage in den Kontext “Fußball als Gesellschaftsspiel”. Dazu gibt es auch gutes Textmaterial, z.B.Gunter Gebauer/Poetik des Fußballs oder Eva Kreisky, Georg Spitaler (Hg.)/ Arena der Männlichkeit oder hier: https://www.bpb.de/themen/sport/bundesliga/163852/spiel-des-lebens-der-fussball-und-seine-gesellschaftliche-bedeutung/
(5) https://www.blauweissesstadion.berlin/
(6) Armin Laschet, warum willst du Bundeskanzler werden? | Kinder fragen Kanzler:innen | LNB
(7)  Drachsler und Bremer a.k.a der Opa-Club brachte diese Beschwerde mehr oder weniger medienwirksam hervor
(8)  https://11freunde.de/artikel/bier-geht-ja-trotzdem/1796476
(9)  They try to pull me away/But they don’t know the truth/My heart’s crippled by the vein/That I keep on closing
(10) https://www.instagram.com/p/CZulbP_N3-I/

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