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Teleprompter DFB

Mein letztes Hertha-Spiel im Olympiastadion war Herthas 2:2 gegen Bremen im März 2020. Corona war schon im Anmarsch, wir haben uns am Rondell nicht mehr alle umarmt, sondern unsere Ellbogen gecheckt und dann am Ende doch das Bier geteilt. Wir hatten keine Vorstellung von dem, was auf uns zukommen würde. Und damit meine ich nicht den weiteren Verlauf der Bundesliga, sondern die Wortlosigkeit, die Aufkündigung der allgemeinen Sorglosigkeit, das Durchschütteln des Jetzt. 

Durch meine Herthanerinnenbrille hatte das Jahr 2020 bereits außerordentlich begonnen, das spannendste Projekt im deutschen Fußball wurde erdolcht, als ich im Büro in einer Besprechung war und mein Handy auf meinem Schreibtisch gelassen hatte. An die verpassten Anrufe und Nachrichten erinnere ich mich bis heute, die Fassungslosigkeit ist ebenso abrufbereit wie die Facebook Lives im Archiv der Eitelkeiten. Euer Jürgen, euer Micha, euer Lars, euer Werner. Rebound Boy Nuri coachte den Verhältnissen entsprechend, da war Cunhas Hackentor der Emotions-Booster fürs Immunsystem.

Dann kam die Pause. Letztes Spiel mit Zuschauern, das ich im Fernsehen verfolgte, waren die Rangers. Der schönste Klangteppich der Welt ist in seiner Statistenrolle dramatisch unterschätzt, oder wollt ihr wirklich verstehen, was vom Seitenrand gebrüllt wird? Allez, Allez, eine Straße mit viel Bäumen, ja das ist eine Allee. 

Eigentlich waren alle mit sich selbst beschäftigt, manche*r dann die ein oder andere Beschäftigung los. Zurück auf Start, nicht wenige Menschen still on hold. Statistiken, Ampeln, Drosten und die Anleitungen zum Maskenbasteln machten zumindest eine zeitlang Fußball zu dem, was es ist, nebensächlich. In seinem Verschwinden lag für mich die Chance eines Neustarts, aber er kam zurückgeschlichen und machte sich noch unsympathischer als sonst, servus DFL. Wem gehört der Fußball, eine zentrale Frage, nicht nur des Restarts, wurde richtungsweisend an Amazon, DAZN, Sky delegiert, der Markt regelt. Mo Money Mo Problems. Was machen wir, wenn Corona geht und die personalisierten Tickets bleiben? 

Können wir das All nicht bewegen, bewegen wir doch den Ball.

Könnt ihr euch noch erinnern, als Michael Jackson sein Baby über ein Balkongitter gehalten hat, um es den Fans zu zeigen? Seltsam, dass jemand auf so ein Idee kommt, manche vor Aufregung kreischen, alle gucken und danach alles schlimm fanden. War doch lieb gemeint, don’t stop til you get enough. So ging es mir auch mit der Entscheidung der DFL, im Mai weiterzuspielen. Ich konnte es nicht glauben, habe am Ende aber trotzdem vor der Glotze gesessen. Inkonsequent und Halt suchend, ein bisschen was, was man kennt, Verhalten auf Autopilotin. Ablenkung von geschlossenen Kindergärten und HomeOffice-Rücken. Am Ende gewinnt Hertha souverän gegen Union (Stadtmeister). Big Bruno macht sich blendend und Hertha hält die Klasse. Ich bin ehrlich, ich wollte Bruno nicht bei Hertha, wollte Kovac und warte auch immer noch auf die Boatengs, together forever and never to part. Bruno ist längst in meine Hertha-DNA eingeschrieben, falls die noch jemand am Entschlüsseln ist. 

Ja, so schnell geht das.

Was erwartet mich diese Saison als Zuschauerin und vor allem als Herthanerin? Was macht Bruno anders und was mache ich ohne Per? Und vor allem: Wie spielt die Hertha ohne Per und Vedad? Und warum Schalke? Was ich mir erhoffe? Dass ein Spieler nie wieder dafür bestraft wird, dass er emotional auf rassistische Beleidigungen reagiert und dass der DFB sein Diversity-Konzept auf sich selbst anwendet. Dass der Umbruch bei Hertha gelingt, dass Tousart weiter auf Insta flext und dass Per und Sala das Abschiedsspiel bekommen, das sie verdienen. Dass wir uns alle im Stadion wiedersehen, dass es dort Weinschorle gibt und dass wir den Pokal gewinnen. 3 Euro ins Phrasenschwein, aber abgerechnet wird zum Schluss. Hahohe.

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